Psychotherapeutische Nahversorgung ausbauen
Die Oö. Landesregierung wird aufgefordert, gemeinsam mit der Österreichischen Gesund heitskasse (ÖGK) und dem Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) Oberösterreich zur Pilotregion für ein neues psychotherapeutisches Nahversorgungsmodell zu machen, sodass Menschen in belasteten Situationen binnen 14 Tagen Zugang zu einem Erstgespräch („Sprechstunde“) mit einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten erhalten.
Begründung
Psychische Belastungen und Erkrankungen nehmen in Österreich drastisch zu. Wenn die Belastungssituation eskaliert, kann dies gravierende Folgen haben bis hin zu tödlichen Gewaltereignissen, wie die jüngsten Vorfälle in Oberösterreich zeigen.
Aktuell werden psychische Problemlagen in Österreich oft zu spät oder falsch behandelt. Die Folgekosten sind persönlich wie ökonomisch dramatisch. Eine zeitnahe psychotherapeutische Behandlung kostet im Schnitt 2.270 Euro. Die Folgekosten bei Fehlbehandlung und Chronifizierung können dagegen auf über 80.000 Euro pro Fall ansteigen. Frühe Intervention ist bei Erfolg also 35-mal günstiger als späte. Frühzeitige psychotherapeutische Angebote können schwere Erkrankungen und damit einhergehende stationäre Aufenthalte vermeiden und so das Spitalswesen spürbar entlasten. Auch das politisch viel diskutierte und als wichtige Zielvorstellung für ein funktionierendes Gesundheitswesen angesprochene Thema Patient:innenlenkung wird im Bereich der mentalen Gesundheit noch nicht angewandt.
Die rasche Diagnose und richtige Behandlung psychischer Belastungen und Erkrankungen ergibt zudem wirtschaftspolitisch Sinn. Eine große deutsche Studie mit rund 30.000 Teilnehmer: innen zeigt, dass zeitnahe Psychotherapie die Krankenstände um 40 % senkt, wenn die Behandlung rechtzeitig stattfindet. Psychisch bedingte Krankenstände kosten in Österreich laut ÖBVP rund 1,5 Milliarden Euro an Produktivität pro Jahr.
Der ÖBVP hat ein konkretes Reformkonzept definiert, das relativ unkompliziert in der Praxis umzusetzen wäre. Es zielt auf zentrale Steuerung und eine passgenaue und kostenoptimale Versorgung ab, vom digitalen Erstkontakt über die psychotherapeutische Sprechstunde binnen 14 Tagen bis zur niedergelassenen oder ambulanten Behandlung. Stationäre Aufenthalte würden massiv reduziert und wären nur noch bei schweren Indikationen erforderlich. Die jüngste Novelle des österreichischen Psychotherapiegesetzes aus dem Jahr 2024 und die aktuellen Diskussionen über die Reform des Gesundheitswesens bieten Chancen, bergen aber auch die Gefahr von Verzögerungen für eine grundsätzlich bereits von ÖGK und Gesundheit Österreich (GÖG) gutgeheißene bessere psychotherapeutische Nahversorgung, die sowohl auf zeitliche als auch räumliche Nähe abzielt.
Oberösterreich sollte daher in Kooperation mit den genannten Institutionen, insbesondere ÖGK und ÖBVP, als Pilotregion fungieren und die notwendigen ersten Schritte aus dem vorliegenden Konzept des ÖBVP umsetzen, insbesondere die Verwaltungsoptimierung durch eine zentrale Anlaufstelle beim ÖBVP und die Patient:innenlenkung durch Implementierung einer psychotherapeutischen Sprechstunde. Zur Finanzierung der landesweiten Umsetzung schlagen die unterzeichnenden Abgeordneten vor, mit dem Bund darüber zu verhandeln, dass angesichts der bei der Kassenfusion zentralisierten oberösterreichischen Rücklagen Mittel der ÖGK eingesetzt werden („Innovationstopf“).
Niederschwellige psychotherapeutische Angebote dämpfen nicht nur die stetig wachsenden Kosten im Gesundheitswesen, sondern stärken zugleich Sicherheit, Resilienz und Wohlbefinden der Menschen in Oberösterreich nachhaltig.