Dänemark als Vorbild:SPÖ beleuchtet Vorzeigemodell im Rettungs- und Gesundheitswesen
Dänisches Vorbild trifft oberösterreichischen Nachholbedarf
Dänemark hat nicht nur die Luftrettung neu gedacht, sondern das gesamte Notfallsystem vom Boden auf. Dr. Giebner arbeitet an einem der integrierten Notaufnahmezentren, den sogenannten Fælles Akut Modtagelse (FAM). Übersetzt heißt das: Gemeinsame Akutaufnahmen. Diese wurden seit der großen dänischen Spitalsreform 2007 flächendeckend eingeführt. Es gibt also eine zentrale Notaufnahme, in der alle Akutpatient:innen zunächst triagiert, stabilisiert und erst dann an die richtige Abteilung weitergeleitet werden. Der Vorteil liegt auf der Hand: Ressourcen werden gebündelt, Doppelstrukturen abgebaut und die Versorgungsqualität in der entscheidenden ersten Stunde deutlich erhöht.
Dr. Giebner berichtet aus der Praxis:
Die Verbindung zwischen dem Notruf 1813, dem Hausarztsystem und der FAM ist keine theoretische Konstruktion, sondern gelebter Alltag. Wer die 1813 anruft, spricht mit einer medizinisch ausgebildeten Fachkraft, die anhand eines strukturierten Gesprächsleitfadens entscheidet: Hausarztbesuch, Fahrt in die Notaufnahme, oder doch Rettungswagen? Diese Vorabsteuerung entlastet die FAM massiv und stellt sicher, dass die Kapazitäten für jene frei bleiben, die sie wirklich brauchen.
Im Fokus liegen die Verzahnung und Integration der verschiedenen Aufgabenträger:innen in der klinischen Behandlung. „So sieht man in Dänemark beispielsweise den Rettungsdienst nicht als eine Transportdienstleistung mit begleitendem Behandlungsangebot, ausgeführt von einem externen Dienstleister, sondern als ein Spital außerhalb des Spitals, in der gleichen Organisation. Aufgabenverlagerung zwischen den Fachgruppen, um begrenzte Ressourcen besser zu nutzen, und Integration der Rettungsdienstmitarbeiter in den klinischen Alltag des Spitals sind die wesentlichen Grundlagen der engen Zusammenarbeit“, führt Dr. Giebner näher aus.
Digitalisierung – persönliche Gesundheitsdaten einfach über eine App
Dr. Giebner arbeitet täglich mit dem nationalen Gesundheitsportal sundhed.dk. Wenn eine Patientin oder ein Patient in die FAM kommt, hat das behandelnde Team binnen Sekunden Zugriff auf alle relevanten Vorbefunde, Medikationspläne, Allergien und Vordiagnosen. Das verhindert gefährliche Doppelmedikationen, spart wertvolle Zeit in Akutsituationen und erhöht die Behandlungssicherheit erheblich.
Seit 2003 steht allen dänischen Bürger:innen ab 15 Jahren diese vollständige digitale Gesundheitsakte zur Verfügung und nahezu 100 Prozent aller Gesundheitsdienstleister nutzen sie. In Österreich existiert die elektronische Patientenakte zwar auf dem Papier, von einer alltagstauglichen, flächendeckenden Vernetzung aller Akteur:innen ist man jedoch weit entfernt.
Für Dr. Giebner ist das digitaler Rückenwind und Sicherheit: „Ohne vollständige Informationen über einen Patienten oder eine Patientin sind wir in der Notaufnahme blind. In Dänemark muss niemand mehr ohnmächtig zu uns kommen und hoffen, dass wir seine Medikamente erraten.“
Das dänische Modell: Luftrettung als Staatsaufgabe
Dass ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder ein schwerer Unfall auch nachts passieren kann, ist keine neue Erkenntnis. In Dänemark wurde daraus bereits 2014 Konsequenz gezogen. In Oberösterreich wird diese Lücke erst jetzt, über ein Jahrzehnt später, diskutiert.
Im Rahmen des Budgetgesetzes 2013 legte das dänische Gesundheitsministerium den Rahmen für den Aufbau und Betrieb des landesweiten Notarzthubschrauber-Dienstes fest. Die Regionen begannen Ende 2013 mit den Vorbereitungen, und bereits am 1. Oktober 2014 gingen die ersten Notarzthubschrauber rund um die Uhr in Betrieb. Vom politischen Beschluss bis zum operativen Start vergingen weniger als zwei Jahre und das für eine bundesweite Struktur. Was die dänische Luftrettung so wirksam macht, ist die nahtlose Integration in das Gesamtsystem.
Die vier Notarzthubschrauber sind strategisch so platziert, dass jene Teile Dänemarks optimal abgedeckt werden, die weit von spezialisierten Behandlungszentren entfernt liegen. Dazu zählen Traumazentren und Krankenhäuser für Notfall-Ballondilatationen bei Herzinfarkten oder Verbrennungsstationen. Die Hubschrauber sind mit modernster Nachtsichtausrüstung der Generation 3 (NVG), leistungsstarken Suchscheinwerfern, Wetterradar sowie einem Euronav-7-Moving-Map-System mit vollständiger Hindernisdatenbank ausgerüstet.
Die dänischen Hubschrauberärzte sind ausnahmslos erfahrene Anästhesiespezialisten mit besonderer Zusatzausbildung in der präklinischen Notfallmedizin. Sie können Patient:innen bereits am Einsatzort in ein künstliches Koma versetzen, beatmen und Bluttransfusionen durchführen. Die Vision des dänischen Systems ist dabei klar formuliert: Der richtige Patient soll zur richtigen Zeit die richtige Hilfe bekommen – überall in Dänemark.
Dass der Nachtflugbetrieb essenziell ist, belegen die bestehenden österreichischen Standorte eindrücklich: Allein im Jahr 2024 wurden von den 24/7-Stützpunkten in Niederösterreich und der Steiermark insgesamt 776 Nachteinsätze geflogen.
Website zur Notfallhubschrauberversorgung: https://www.danishairambulance.dk/.
Vom dänischen Vorbild zur oberösterreichischen Realität und was jetzt zu tun ist
Patient:innenlenkung – aber nur dann, wenn die Voraussetzungen dafür stimmen
In Dänemark ist der Hausarzt zentraler Dreh- und Angelpunkt: Jedem/Jeder Bürger:in wird ein Hausarzt zugewiesen, der darüber entscheidet, ob ein Besuch beim Facharzt oder im Spital notwendig ist. Außerhalb der Ordinationszeiten übernimmt in der Kopenhagener Region die Notrufnummer 1813 die zentrale Steuerungsaufgabe. In Dänemark ist es ein System, das Ressourcen gezielt dorthin lenkt, wo sie wirklich gebraucht werden.
„In Österreich setzt man lediglich auf die Eigenverantwortung der Menschen. Verantwortung zu geben ist natürlich gut, aber es braucht Leitbahnen, an die man sich halten kann. Eine Hausarztpflicht, wie es sie in Dänemark gibt, halte ich für sinnvoll“, so SPÖ-Gesundheitssprecher Binder.
Dieses System bringt aber nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten und zwar für alle Seiten. In Dänemark gibt es keine Wahlärzt:innen. Das bedeutet: Patient:innen können nicht frei zwischen Ärzt:innen wählen. Sie werden versorgt, wo Kapazität ist, unabhängig von Einkommen oder Versicherungsstatus. Und umgekehrt kann sich auch kein Arzt und keine Ärztin seine oder ihre Patient:innen aussuchen. Wer im System ist, versorgt alle.
„Auch in Österreich würden wir uns Bestrebungen in diese Richtung wünschen. Ein erster Schritt wäre der Ausbau der Basisausbildung für Mediziner:innen nach dem Studium in Oberösterreich. Zurzeit sind es viel zu wenige, was einen starken Abgang in andere Bundesländer verursacht. Bereits in der letzten Landtagssitzung haben wir dazu einen Antrag eingebracht. Das soll ein nochmaliger Apell an Gesundheitslandesrätin Haberlander sein“, so Binder weiter.
Die Wartezeit auf eine Knieoperation hat sich in vier Jahren von 44 auf 87 Wochen verdoppelt, das neue Monitoring prognostiziert sogar bis zu 104 Wochen. Gleichzeitig plant die Gesundheitsholding entgegen jeder demografischen Realität mit sinkenden Patient:innenzahlen. Bis 2050 steigt die Zahl der über 65-Jährigen in OÖ um fast 56 Prozent.
Das dänische System kennt kein strukturelles Zweiklassenprinzip. In Oberösterreich ist es aber Realität: Privatversicherte werden bis zu 20 Prozent schneller operiert. Nur noch 57 Prozent der Bevölkerung glauben, dass in Notfällen alle, unabhängig vom Einkommen, die beste Versorgung erhalten. Und wer kränker ist, zahlt mehr: 42 Prozent der Menschen mit schlechtem Gesundheitszustand haben 2025 mehr als 1.500 Euro privat für Gesundheitsleistungen ausgegeben, dem gegenüber nur 22 Prozent bei Personen mit gutem Gesundheitszustand.
Was wir jetzt fordern:
- Mehr Kassenärzt:innen flächendeckend – mit gezielten Anreizen in unterversorgten Bezirken und einem Ausbau der Basisausbildung für Mediziner:innen in Oberösterreich.
- Verbindliche Wartezeiten von maximal einem halben Jahr für planbare Operationen
- Ausbau der Gesundheitsprävention
Dazu kommt die überfällige Forderung nach einem 24/7-Notarzthubschrauber für Oberösterreich. LH-Stellvertreterin Haberlander muss hier schleunigst ein Zeitziel vorlegen, wann der Hubschrauber in Betrieb gehen wird. Dasselbe gilt für den Rettungsdienst insgesamt: Das Ehrenamt soll und kann erhalten bleiben, aber der Rettungsdienst braucht mehr Kompetenzen, mehr Geschwindigkeit und vor allem die Möglichkeit, Entscheidungen vor Ort zu treffen.
Zeit für verantwortliches Handeln durch Beispiele
Die Luftrettung zeigt es exemplarisch, das Gesundheitssystem insgesamt bestätigt es: Dänemark denkt Gesundheitsversorgung als Gesamtsystem, das strukturiert, digital und konsequent am Patient:innenennutzen orientiert ist. Das Gesundheits- und Rettungswesen in Dänemark ist in vielen Punkten sehr durchdacht und auch weiter als das unsrige. Wichtig ist es das anzuerkennen und nicht nur Rosinen zu picken, sondern ganzheitlich ein System wie dieses zu übernehmen. Wer A sagt, muss auch B sagen. Das dänische Modell zeigt: Gute Versorgung ist keine Frage des Geldbörserls, sondern des politischen Willens.
Oberösterreich hat bereits mit einem Besuch von Josef Pühringer, Vorgänger von Christine Haberlander als Gesundheitsreferent, in Kopenhagen im Herbst 2025 immerhin erste Schritte gesetzt, sich dieses Vorbild genauer anzusehen. Der nächste Schritt wäre, daraus nicht nur Inspiration zu ziehen, sondern Entscheidungen.
„Dänemark zeigt, dass ganzheitliche Gesundheitsversorgung geht. Wir fordern von Landesrätin Haberlander, aus dem Besuch in Kopenhagen nicht nur Inspiration zu ziehen, sondern endlich Entscheidungen zu treffen“, so der SPÖ-Gesundheitssprecher abschließend.
Dritter Landtagspräsident Peter Binder hat viele Expert:innen aus verschiedenen Ländern zu einem Austausch eingeladen, um das verantwortliche Handeln weiterzutreiben und freut sich auf die Veranstaltung im Anschluss an die Pressekonferenz.